Haben die kein Autofokus?

Arri-Kamera mit Follow-Focus

Das weiße Rad des „Follow-Focus“ übersetzt die Drehbewegung des Schärferings am Objektiv und erlaubt so komfortablere Bedienung und Beschriftung

In Zeiten, in denen jede Videokamera zufriedenstellend die Schärfe automatisch einstellt, mag es verwundern, dass Autofokus bei professionellen Filmkameras ein Fremdwort ist. Die Schärfe wird beim Film und vielen Videoproduktionen vom Assistenten gezogen, in Amerika als „Focus Puller“ bekannt.

 

Während die Schärfe bei Autofokus-Kameras ziemlich starr stets auf die Bildmitte fokussiert, wird die Schärfe beim Film auch als gestalterisches Mittel genutzt. So kann es durchaus sinnvoll sein, eine Person oder einen Gegenstand, der sich nicht in der Bildmitte befindet, scharf zu stellen. Weiterhin wäre es völlig undenkbar, irgendwelche Suchläufe des Autofokus zu tolerieren, wenn sich die Person im Bild bewegt und dabei den Abstand von der Kamera verändert.

 

Gut geschärft

Der Kamera-Assistent misst mit einem Maßband die Entfernung von der Filmebene zum Motiv (meist der oder die Schauspieler). Die Filmebene ist der Ort in der Kamera an dem das Bild belichtet wird und ist außen meist durch eine Kerbe im Gehäuse gekennzeichnet. Das Maßband sollte aus Gewebeband oder weichem Kunststoff sein, ein Stahlband sollte man nie ans Gesicht eines Schauspielers halten! Solange die Schauspieler und die Kamera sich nicht bewegen, genügt es, die gemessene Entfernung am Schärfering des Objektivs einzustellen.

 

Doch Menschen und Kameras haben die Eigenheit, sich zuweilen zu bewegen. Dann muss der Assistent die sich verändernde Entfernung am Schärfering des Objektivs mitziehen. Er oder Sie macht sich bei Bewegungen der Kamera oder der Person, welche eine Entfernungsänderung zur Folge haben, Markierungen auf dem Objektivring. Im gleichen Verhältnis zur Bewegung zieht der Assistent dann die Schärfe am Objektiv mit.

 

Regeln zur Schärfeanpassung

Das ist keine leichte Aufgabe und es gibt eine Menge Regeln zu beachten. So sollte man nach Möglichkeit nicht nach einem Videomonitor scharf stellen, sondern sich wirklich auf Skalen und Messungen verlassen. Auch wenn es auf einem Fernsehmonitor scharf aussieht, kann es in der Projektion unscharf oder zumindest nach weicher Schärfe aussehen.

 

Die weiche Schärfe ist in den meisten Fällen Folge einer zu weit vorne liegenden Einstellung. Das liegt daran, dass der Spielraum, in dem ein Objekt scharf abgebildet ist, vom angenommenen Schärfepunkt nach vorne nur 33% Toleranz, dahinter aber 66% hat. Wenn die Schärfe also zu weich ist, sollte man die Einstellungen etwas nach hinten vornehmen. Auch wenn die Personen unvorhergesehene Bewegungen nach vorne machen oder wenn man stellenweise unsicher ist, ist man gut beraten, die Schärfe etwas weiter nach vorne einzustellen.

 

Objektiv mit Beschriftung

Nicht sehr komfortabel, aber im Low-Budget und im Doku-Bereich üblich ist es, die Schärfe von Hand am Objektiv zu ziehen.

Kameraassistenten kleben sich häufig Lassoband auf den Objektivring und schreiben darauf mit Filzstift ihre Schärfepunkte an. Manche Assistenten kleben sich kleine weiße Dreiecke aus Lassoband auf, andere einen Streifen Lassoband und schreiben darauf.

Egal, für welche Methode man sich entscheidet, man sollte nur die wichtigsten Werte eintragen. Zu viele Markierungen erschweren die Arbeit nur.

Wenn es eine Schärfezieheinrichtung gibt, kann man auch auf den Einstellscheiben (Follow Focus Wheel) Markierungen eintragen.

 

Analog kann man bei Fernschärfe, die besonders bei Spielfilm-Handkamera und Steadicam eingesetzt wird, über Stellmotoren die in Zahnkränze auf dem Objektiv greifen und per Funkfernsteuerung ansprechen, auf dem Sender-Bedienteil seine Einstellungen aufschreiben.

Die Funkschärfe nutzen manche Assistenten auch, um die Distanzveränderungen aus einem rechten Winkel zur Achse Darsteller/Kamera statt aus der Kameraposition zu beobachten.

 

Beim Einstellen der Schärfe sollte man stets daran denken, dass die Einstellwege sich mit abnehmender Entfernung vergrößern! Man kann also nicht linear über den ganzen Einstellweg die gleiche Einstellgeschwindigkeit halten. Ab 10 Metern bis unendlich ist es relativ einfach, die Schärfe einzustellen, aber je näher die Schauspieler der Kamera kommen, desto schwieriger wird der Job. Die Geschwindigkeiten und  Abläufe erfordern ein gutes musikalisches Empfinden, um die Bewegungsabläufe am Set auf die Skala zu übertragen.

 

Abstimmung mit dem Team

Man kann sich im Motiv die Positionen, zu denen die Einzeichnungen am Objektiv gehören, merken, markieren oder auch mit einem Laserpointer anleuchten. Für Filmzwecke gibt es spezielle Pointer, die mit der Umlaufblende der Kamera synchronisiert werden und dadurch immer nur dann leuchten, wenn das Licht nicht auf den Film fällt. Sehr schick, für die Schauspieler sehr verunsichernd und sehr teuer.

 

Der Kameraassistent sollte auch die Schärfentiefe der verschiedenen Objektive bei der jeweils verwendeten Blende gut kennen. Das Wissen um die Toleranzen kann sehr hilfreich sein, besonders in kritischen Schärfesituationen. Oft ist es hilfreich, mit dem Dollyfahrer (Kamerabühne) Blickkontakt zu haben oder die Markierungen im Auge zu behalten. Falls dieser neben seinen Markierungen liegt, kann man das, wenn man es weiß, in der Schärfe auskorrigieren.

 

Der Trick, die Entfernung aus einem rechten Winkel zu beurteilen, kann auch hilfreich sein, wenn etwa ein Auto auf die Kamera zufährt. Eine Hilfsperson kann sich etwa ein Lineal an einem Lichtstativ befestigen und es so einrichten, dass der gesamte Fahrweg des Autos vom Lineal abgedeckt wird. Dann fährt der Wagen langsam Stück für Stück vor, man legt die Schärfe fest, und die Hilfsperson markiert die Punkte auf dem Lineal. Wenn dann der Wagen gedreht wird, kann die Hilfsperson die Positionen ansagen (Rufen oder per Walky-Talky). Auf diese Weise muss man auf dem Fahrweg keinerlei Markierungen unterbringen.

 

Mit diesem Wissen gestärkt kann man es sogar riskieren, einmal nachzusehen, wie sich der Autofocus an der DV-Kamera abschalten lässt...