Weisse Wände

Kinoleinwand

Das Herz eines jeden Kinos: Die Leinwand

Die Vorläufer des Films waren projizierte Bilder, schon die Laterna Magica benötigte für ihren Zauber weißes Tuch oder weiß gekalkte Wände und natürlich im Vorführraum möglichst durchgehende Dunkelheit. Der Kinobesucher nimmt die weiße Fläche vorne als etwas Banales wahr, meistens ist die Leinwand in großen Sälen durch einen Vorhang verdeckt, der erst wenn die Projektion startet, geöffnet wird. Es ist beinahe so, als wolle man dem Kinogänger die riesige weiße Fläche ersparen, schließlich verrät sie die Illusion, dass die Geschichten und Welten in die wir als Zuschauer hinein tauchen, nur aus projiziertem Licht bestehen. Kleinere Kinos, bei denen die Fläche der Leinwand kleiner ist, haben damit scheinbar kein Problem oder sie haben mehr Selbstverständnis. Für unsere Sehvergnügen spielen Größe und Beschaffenheit der Leinwände eine entscheidende Rolle.

 

Leinwandgrößen

Waren frühe Projektionen wegen der Helligkeit der frühen Lichtquellen wie Petroleum,- oder Kerzenlicht und der geringen Lichtstärke der Projektionsobjektive eher klein, so haben moderne Xenon,- und HMI Brenner sowie optimierte Leinwandmaterialien riesige Leinwandflächen möglich gemacht. Heutige Multiplexe haben in ihren Sälen Leinwände von 20,6 x 8,6 Metern oder 15,6 x 6,6 Metern in den größeren Sälen. Dabei spielt die Größe des Sales, die Helligkeit des Projektors und die Projektionsoptik und der Reflektionsgrad des Gewebes oder der Folie (aus welchem die Leinwand hergestellt ist) eine bedeutende Rolle. Auch die Bestuhlung des Saales ist von Bedeutung, eigentlich sollte der Mindestabstand zur Leinwand das 1,5 fache der Leinwandbreite betragen, ein Wert den Kinos allein schon aus wirtschaftlichen Gründen nie einhalten. Aus den verschiedenen Kennzahlen berechnet sich auch die mögliche Größe der Leinwand.

 

Premierenteam vor Leinwand

Filmpremiere mit Stab und Schauspielern vor der riesigen Leinwand

Damit sich bei der Projektion keine Verzeichnungen abbilden, muss die Leinwand möglichst plan gespannt sein. Dies wird meistens durch Rahmen und Seilverspannung gelöst. Natürlich handelt es sich bei einer Kinoleinwand nicht etwa, wie der Name vermuten lässt, um ein einfaches Gewebe aus Leinen, sondern um moderne Textilbahnen. Gewebe aus Glas- und Kohlefasern, die sich besonders plan spannen lassen und auch nach Jahren kaum Falten- oder Risse bilden, sind heutzutage üblich. Und da insbesondere in öffentlichen Räumen auch hohe Sicherheitsstandards (Leinwände haben meist Brandschutzklasse B2 oder B1) eingehalten werden müssen, sind solche Leinwände auch besonders schwer entflammbar. Doch damit ist es nicht getan, mindestens genau so wichtig wie das Trägermaterial, ist eine raffinierte Beschichtung.

 

Oberflächen

Es versteht sich von selbst, dass eine Leinwand nicht heller reflektieren kann, als das Licht welches der Projektor auf sie wirft. Die Projektionshelligkeit wird übrigens in ANSI-Lumen gemessen, ANSI bedeutet hierbei lediglich, dass das Messverfahren vom "amerikanischen Institut für nationale Standards" festgelegt wurde und Lumen ist nur der lateinische Ausdruck für Licht, in diesem Fall festgelegt als Fachbegriff für den Lichtstrom.

 

Da eine Leinwand kein Spiegel ist, denn der würde ideal das auffallende Licht zurückwerfen, wird sie stets etwas weniger Licht reflektieren, als auf sie auftrifft. Manche Leinwände reflektieren besser, andere schlechter und häufig ist diese Eigenschaft auch gekoppelt an den Betrachtungswinkel. Ähnlich wie es Flatscreen Fernseher gibt, bei denen man als Betrachter nur von Vorne optimale Bildhelligkeit bekommt, während bei seitlicher Betrachtung Helligkeit und Farben dramatisch abnehmen, sind auch bei Leinwänden die besser reflektieren, die Betrachtungswinkel eher eng. Man kann sie also nur in schmalen Kinosälen einsetzen. Andererseits will man vom Projektionslicht möglichst wenig verlieren, deshalb sollen die Leinwände dorthin wo keine Zuschauer sitzen, also zu den Wänden und der Decke des Saales möglichst wenig reflektieren.

 

Auch in diesem Bereich hat inzwischen die Nanotechnologie Einzug gehalten. Je besser die Beschichtung, desto mehr Helligkeit wird vom projizierten Bild in den Zuschauerraum zurückgeworfen. Folien reflektieren das Licht meistens besser, dafür ist es aber schwieriger große Flächen herzustellen.

Die Oberflächen selbst können für breite Betrachtungswinkel durch die sogenannte Lenticular-Prägung optimiert werden, das ist eine Art Rillenstruktur. Da Leinwände das Licht vor allem genau dorthin reflektieren, von wo es kommt, die Projektoren aber immer höher oben angebracht sind, werden Leinwände auch häufig leicht zu den mittleren Stuhlreihen hin geneigt, damit dort die optimale Reflexion ankommt.

 

Rücksichtnahme auf den Ton

Das wissen nur Filmvorführer und Kinobetreiber- die klassischen Leinwände haben Löcher, und zwar ziemlich viele, sie sind nämlich perforiert, damit der Ton von den Lautsprechern hinter der Leinwand besser zu hören ist. Man nennt das dann eine "akustisch transparente Leinwand". So lange man analoge Filmkopien schaute, mit diesen ständig hüpfenden Farbpigmenten in der Kopie, sah der Zuschauer diese Löcher nicht. Aber heute mit den Beamern und ihrem erstklassigem Bildstand fallen sie einem plötzlich auf, weil sie jedes Pixel präzise immer am selben Ort darstellen.

 

Um das Problem zu beheben, kann man neue Leinwände mit sogenannter Microperforation kaufen, die sind nicht nur teuer, sondern sie verschlechtern zudem die Tonqualität für die hinter der Leinwand befindlichen linker, mittlerer sowie rechter Lautsprecher. Man muss hier Kompromisse finden, den Ton nicht wegen der Bildqualität verschlechtern zu müssen.

 

Die Berechnung und Herstellung der optimalen Leinwand ist also bereits eine kleine Wissenschaft für sich und wenn wir uns einem Kinosaal besonders gerne Filme anschauen, so hat meistens Jemand seine "Hausaufgaben" besonders gut gemacht...