Raoul Kevenhörster Was unterscheidet einen kurdischen Film von einem Film aus den westeuropäischen Ländern?

 

Mano Khalil Das kurdische Volk setzt sich ein für seine Freiheit und seine Würde. Die internationale Auffassung darüber ist dagegen eher erbärmlich.

Mano Khalil

Kurdistan war eine eigenständige Provinz, bis im 19. Jahrhundert das Osmanische Reich unser Recht auf eigenes Territorium aufhob. Bis heute andauernd kann das kurdische Volk weder wieder Freiheit, noch Würde genießen. Wir sind aufgeteilt auf vier Länder. Unsere Sprache, unsere Kultur, unsere Würde als Menschen wurde uns genommen, mehr noch unter Verbot gestellt. Nur ein Beispiel von vielen: Ein Dichter wurde wegen seines auf kurdisch geschriebenes Stücks in Syrien und in der Türkei zu zehn bis fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Mörder hingegen erhielt drei Jahre Haftstrafe. Das heißt, das Strafmaß des kurdischen Dichters lag um das Dreifache höher als das eines Mörders.

 

Wir sprechen von Cinema. Der Durchbruch der Filmgeschichte als Kunstform liegt jetzt rund 120 Jahre zurück. Die Brüder Lumière erreichten vor gut 100 Jahren den Zenit ihrer Zeit. Auch denkwürdig ist die Tatsache, dass die Türkei in Kürze ihren 100sten Jahrestag feiern will. Ob Syrien, Irak oder die Türkei, sie alle führen Kontrolle über uns und unser Land. Für die politische Welt ist sie als NATO-Mitglied wichtig. Die Rolle der Kurden verliert sich dahinter als ein Bild wilder, ungezügelter Menschen, die keine Kultur, keine Ahnung von der Welt haben, - die als dumm bezeichnet werden.

 

Wir kennen Kurden durch Karl May. Sein berühmtes Buch „Durch das wilde Kurdistan" spiegelt das Klischee von Kurden als Lügner, als Räuber, als türkische Bergmenschen wider. Menschen, die keine Kultur haben. Diese Meinung hat sich im Kopf vieler Europäer festgesetzt. Leider hat die kurdische Regierung in Kurdistan-Irak vor zehn oder fünfzehn Jahren viele Filmprojekte unterstützt, die eben diesen Erwartungen entsprechen. Und wie schnell kommen sie damit an Filmfestivals wie der Berlinale oder sogar Cannes. Es geht da beim Filmemachen nicht um Technologie oder um Kunst als Kunst, oder? Es geht um Miserabilität. Die Kurden sind alle ohne Hände, die sind dumm, die sind dick, sind klein, sind erbärmlich, die liegen irgendwo im Schatten, sie ziehen Ziegen und verstehen erst mal nichts. Je miserabler die Welt ist, zeige diese Welt und du entsprichst den gewohnten Erwartungen, den gewünschten Sehgewohnheiten.

 

Wenn ich einen Film mache, dann ist es für mich sehr wichtig, dass ein Film ein Stück weit konkrete Entwicklung befeuert. Das zweite ist, das diese Menschen das Recht haben, ihr Leben in Selbstverwirklichung zu führen. Aber das ist ein Problem und deshalb für mich als Filmemacher äußerst wichtig.

 

R.K. Auch Sie sind auffallend autark in ihrer Filmsprache und ein Vorkämpfer.

 

M.K. Als Kurde habe das Privileg an zwei Universitäten meine Abschlüsse zu machen. Jura und Geschichte in Syrien und in der Tschechoslowakei konnte ich sechs Jahre lang an einer der besten Filmschulen studieren. Ich bin ein Mensch, der versucht diese einmalige Kultur unseres Volkes widerzuspiegeln. Ich bin ein Mensch, der Kultur nicht als eine rein bürgerliche sieht. Es gibt viele Facetten von Kultur. Aber ich versuche objektiv zu bleiben und tolerant zu bleiben. Ich bin kein Koch, der seine Gäste fragt: "Was schmeckt Ihnen am Besten?" Sondern ein Koch, der kocht und sagt: "So muss es sein!"

 

R.K. Sie verfügen demnach über wesentliche Zutaten des Filmemachens und wissen diese zu kombinieren.

 

M.K. Wissen Sie, ich begann mit meinem Filmstudium in der Tschechoslowakei 1986. Das war noch vor der kommunistischen Wende. Deutschland war noch geteilt. Damals hatte ich eine klare Vision: ich werde mich für eine Verbesserung der kurdischen Verhältnisse einsetzen, mein Volk verteidigen und für meine Rechte eintreten mit dem Wissen über das Filmhandwerk. Viele meiner Freunde haben sich entschieden, Waffen in die Hand zu nehmen und zu kämpfen. Das ist eine Tatsache. Eine weitere ist, ich habe viele meiner Freunde verloren. Sie sind im Kampf für die Freiheit von Kurdistan gefallen.

 

Ich verteidigte die Werte meines Volkes aus einer gewissen Distanz. Ein wesentliches Instrument dafür ist die Sprache. Ein Beispiel: mein Kind ist vierjährig, meine Frau ist Griechin und wir sprechen zusammen griechisch, kurdisch und deutsch. Wir haben Hunderte von Kinderbüchern in eben diesen Sprachen, aber kein einziges in Kurdisch. Letztens kam mein Kind auf mich zu und fragte: "Papi, wieso haben wir kein einziges kurdisches Geschichtsbuch?" Was soll ich ihm antworten?

 

R.K. Wie ist die Resonanz auf Ihre Arbeit?

 

M.K. Ich bin ein Mensch, der an etwas glaubt und dafür setze ich mich absolut ein. Ich höre eine Stimme in meiner Arbeit, der ich unbeirrt folge. Dazu hebe ich die Trennlinie zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm auf, so sehr, dass die Zuschauer nicht mehr wissen 'Bin ich im Dokumentarbereich oder bin ich im Spielfilmbereich?'. Mir ist es gleich. Ich erzähle meine Geschichte. Wenn sie von den Zuschauern positiv aufgenommen wird, dann ist es perfekt. Und wenn kritisiert wird, dann versuche ich es besser zu machen. Federico Fellinis erster Film war eine Katastrophe. Er hat aber nie aufgegeben den Studios und Produzenten zu beweisen, dass er doch ein Filmemacher ist. Und er hatte Erfolg. Schlußendlich drehte er bis in seine 80er durch. Ob ein Film gut ankommt oder nicht, ist mir völlig gleich, weil ich meine Filme wie meine eigene Kinder sehe. Ob sie hübsch sind, blaue oder schwarze Augen haben, rund oder schmal sind, es sind doch meine ;-). Diese Branche braucht Ausdauer und Dickköpfigkeit.

 

R.K. Herr Khalil, angenommen Ihre Filme seien vor 20 Jahren entstanden und gezeigt worden. Meinen Sie, der Effekt wäre derselbe gewesen wie in der heutigen Zeit?

 

M.K. Definitiv! Ich bin mir 100-prozentig sicher und wissen Sie, das gilt auch in zwanzig Jahren noch, und in zwanzig Jahren. Sie würden den gleichen Text gehabt haben, denn sie sprechen über ein Standardthema. Es ist nicht mehr allein eine kurdische Geschichte, die ich schreibe.

 

Ich habe eine gute Bekannte, die mir erzählte, sie hätte nach dem Tod ihres Vaters, - er ist vor wenigen Jahren gestorben - , viele Briefe von ihm gefunden. Briefe, die er während seines Militärdienstes im 2. Weltkrieg ihrer Mutter geschickt hatte. Mit Fotos dokumentiert. Plötzlich bemerkte meine Bekannte: "Heute muss ich feststellen, dass mein Vater eigentlich ein kleiner Nazi war." Eine solche oder ähnliche Erkenntnis kann jeden von uns treffen. Zuerst steht die Annahme: "Ich habe einen Drachenkämpfer-Papa." Und wenn der Papa nicht mehr der Drachenkämpfer-Papa ist, sondern der Drachen selbst, wen zeigen wir? Das ist dann eine individuelle Geschichte, aber sie wird universell verstanden.

 

R.K. Welche Resonanz erhielten Sie aus dem Publikum auf Ihre Filme. Sind Sie mit Äußerungen konfrontiert worden, die Sie überrascht haben. Oder sind das alles Äußerungen, die positiv ausfielen, mit denen Sie gerechnet haben?

 

M.K. Meine Filme werden unglaublich gut in der Schweiz aufgenommen. Der Imker hat in der Schweiz als Dokumentarfilm bisher ungefähr 26.000 Zuschauer erreichen können. Das ist ein außergewöhnlich hoher Zulauf in diesem kleinen Land, wo für Dokumentarfilme der Grenzwert für erfolgreiche Filme bei 5.000 Zuschauern liegt. Wir haben wahnsinnig viele positive Rückmeldungen erhalten. Es gab auch kritische, negative Rückmeldungen. Die kamen von Mitgliedern der Nationalistischen Partei Schweiz SVP. Denen gefällt es nicht gefällt, wenn ein Ausländer in der Schweiz etwas erfolgreich ist. Ein Journalist in Blochers Zeitung, - Christoph Blocher, ein Politiker der Führungsriege der Schweizer Volkspartei, die im Allgemeinverständnis gegen Ausländer eingestellt ist, hat einen Artikel mit folgendem Satz angefangen: ... der syrische Zuwanderer Mano Khalil, der sich in der Schweiz zum Filmemacher gemacht hat..." Das stinkt nach Rassismus. Er behauptete, ich wäre in der Schweiz Filmemacher geworden. Und ich wäre ein Zuwanderer. Ich habe mich nie in der Schweiz zum Filmemacher gemacht und ich musste mein Heimatland als Flüchtling verlassen. Der Grund ist, dass iich einen Film in meinem Heimatland Kurdistan-Syrien gedreht habe, der nicht mit dem politischen System konform ging. Und ich habe, bevor ich in die Schweiz fliehen musste, in der ehemaligen Tschechoslowakei an einer der besten Filmschulen Europas das Studium mit Diplom abgeschlossen.

 

R.K. Wenn Sie Ihr bisheriges filmisches Werk betrachten, eines in dem sich ein Roter Faden erkennen lässt, was finden Sie an Ihrer filmischen Entwicklung ganz besonders interessant? Sie selbst, sozusagen als Zuschauer Ihrer eigenen Filme?

 

M.K. Ich glaube an die Menschlichkeit und dieses Spüren von Liebe zum Protagonisten und seiner Geschichte. Bezeichnend ist eigentlich, unter welchen Voraussetzungen jemand eine Sache angeht. Ich pflege eine große Freundschaft mit meinen Protagonisten. Auch dann, wenn jemand unter ihnen etwas Schlimmes angestellt hat. Filme zu machen ist eine sensible Angelegenheit. Ich bin kein Mechaniker, ich pflege keine Autos, ich pflege Menschen.

 

R.K. Eine Nonsense-Frage: Sie erhalten den Auftrag für einen Werbefilm über eine Autowerkstatt zu drehen. Sie treffen dort auf einen Automechaniker, der sich vernachlässigt fühlt und keinen Spaß an seiner Arbeit hat.

 

M.K. Gemeinsam ein Bier trinken gehen kann helfen. (lacht)

 

R.K. Und wenn das Steuer anschließend rechts steckt statt umgekehrt?

 

M.K. Wissen Sie, ich habe viel Mist gedreht. Werbespots von Wein bis zu Hunde- und Katzenfutter. Ich habe Geld damit verdient, um damit später Filme in Unabhängigkeit drehen und auch produzieren zu können..Aber das eigentliche, riesengroße Problem ist geblieben, mich als Menschen, als Filmemacher, nicht zu verlieren.

 

Mano Khalil

R.K. Sie als Kurde lebten in Syrien und heute in der Schweiz. Was verstehen Sie unter Heimat?

 

M.K. Wenn ich freiwillig mein Dorf verlassen hätte, dann wäre es keine Heimat mehr für mich geblieben. Ich musste es verlassen. "Du bist nicht erwünscht. Du darfst keine Filme machen oder wir werden dich inhaftieren." Das war eine konkrete Bedrohung. Aus der Unfreiwilligkeit zu gehen heraus entstand Heimatgefühl. Man hat mir mein Zuhause weggenommen. Aus dem tiefen Bedürfnis mit meinem Dorf verbunden zu bleiben, entstand ein Trotz ähnlich wie bei einem kleinen Kind. Ich will Heimat! Mein Dorf ist für mich bis heute Heimat geblieben.

 

Ich erzähle Ihnen eine Geschichte:

 

Als ich Anfangs der 80-er Jahre Student in Damaskus war, besass Israel Süd Libanon bis Beirut. Es herrschte totaler Krieg. Ich, sowie viele anderen Uni-Studenten, glaubten an eine Revolution, die Gerechtigkeit und Freiheit bringen wird. So reiste ich mit einer kleinen Zenit-Spiegelreflexkamera in den Libanon, um dort Spuren des Krieges zu fotografieren. Auf der Reise kaufte ich im Bukaa-Tal eine dunkelblaue Jacke mit vielen Taschen auf einem Bazar. Sie hatte im Verhältnis zu heute umgerechnet drei Dollar gekostet. 'Ein echter Fotograf muss so eine Jacke haben', dachte ich. Stolz habe ich meine drei Filmnegative und eine Optik eingesteckt. Ich sah wirklich wie ein echter Profifotograf aus. Monate später, als ich schon wieder in Syrien zurück war, unterrichtete ich neben meinem Unistudium Kinder in einer Primarschule, um mein Studium zu finanzieren. Eines Morgens wartete ich auf den Bus, um zur Arbeit zu fahren. Zwei Männer standen neben mir. Ich sah ihre schwarzen Pistolen, die an ihren Gürteln steckten. Jeder wusste, dass solche Menschen beim Geheimdienst arbeiten. Einer der Männer fragte mich nach meinen Personalien. Ich gab ihm meinen Ausweis. Als er die Einträge über meinen Namen und den Geburtsort sah, war es ihm klar, dass ich Kurde bin. Bevor er mir meinen Ausweis zurückgab, fragte er mich: "Woher hast diese Jacke?" Ich antwortete: "Vom Bazar in Damaskus." "Es ist verboten, eine solche Jacken zu tragen," sagte er darauf. Ich solle sie sofort ausziehen und ihm geben. Sonst müsse ich ihm zur Geheimdienstelle folgen. Das hiess damals: 9 bis 12 Jahre Gefängnisstrafe. Wenn ihnen etwas nicht passte, haben sie stets genügend Gründe gefunden¸ um einen Jeden willkürlich gefangen zu nehmen. Langsam packte ich alle Sachen aus den Jackentaschen: Zigaretten, mein Feuerzeug, den Kugelschreiber, mein Notizbuch und die sonstigen Kleinigkeiten. Wortlos übergab ich die Jacke. In diesem Moment war ich überglücklich nur meine Drei-Dollar-Jacke abgeben zu müssen und heil weiterzugehen.

 

Später aber kehrte diese Jacke immer wieder in meine Gedanken und Erinnerungen zurück. Im Nachhinein wurde sie für mich das Symbol meiner gestohlenen Würde und meiner Freiheit. Ich habe sie nie mehr vergessen können. Bis jetzt. Sie war plötzlich die wärmste Jacke im Winterzeiten und die kühlste im Sommer. Die am genialsten entworfene Jacke aller Zeiten. Sie hatte die schönsten Farben und sie war von bestem Stoff. Und natürlich war sie sexy. Und das alles für drei Dollar.

 

Vor zwei Monaten drehte ich in Ghana, in Accra. An einem sehr heissen und feuchten Tag dachte ich mir plötzlich: 'Ach, wenn ich nur meine Drei-Dollar-Jacke jetzt dabei hätte!"

 

R.K. Herr Khalil, Ihr neuester Film Die Schwalbe ist ein Roadmovie in feindlicher Umgebung und dennoch auch eine romantische Erzählung über zwei Menschen, die bereit sind füreinander in den Tod zu gehen. Wenn der Spielfilm ein glückliches Ende für das Heldenpaar gezeigt hätte, was wäre dann der Unterschied zu Ihrer Fassung des Stoffs gewesen?

 

M.K. Ich wäre traurig gewesen.

 

R.K. Heißt, das jetzige Ende weist eine Parallele zur bis heute andauernden politischen Situation in Kurdistan auf?

 

M.K. Es geht um Realität. Wenn man genau hinsieht, opfert sich Ramo für die Liebe. Ihm war bereits zuvor bewusst, sein Leben verloren zu haben, wenn er nicht für die Liebe kämpfte. Aber es ist auch die Liebe, die ihm den Tod bringt. Alles geschieht vor dem Hintergrund der kurdisch feindlichen Politik Syriens. Meine Aufgabe ist es aufzuklären, die tatsächlichen Gegebenheiten transparent zu machen bis moderne, zugewandte Menschen sich vor den Kopf schlagen und sagen: "Wir können etwas ändern und wollen es auch!"

 

R.K. Ramo steht also mit seiner kontrovers anmutenden Haltung für die Liebe?

 

M.K. Ja, perfekt.

 

R.K. Sie arbeiten bereits an Ihrem nächsten Film.

 

M.K. Mein nächster Film ist geschrieben. Es ist die Geschichte meiner Kindheit, also ein autobiographischer Stoff.

 

Herr Khalil, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch mit Ihnen.