Süddeutsche Zeitung, KULTUR

Der beste Regisseur ist der Zufall

Die Filme des Münchners Mathias Allary wollen verborgene Geschichten sichtbar machen.

 

Paul ist eigentlich ein gewöhnlicher junger Mann. Er arbeitet als Vertriebsleiter im Feinkostgeschäft „Kuschel“. Ein junger Mann mit einem Tick: Paul liebt Frauenschuhe. In seinen Mittagspausen wählt er blind Telefonnummern. Meldet sich eine Frau, bittet er sie, ihm ihre Schuhe zu beschreiben. Irgendwann ist Leyla an der Strippe. Leyla ist eine junge Türkin, die aus Angst vor Anschlägen seit fünf Monaten ihre Wohnung nicht verlassen hat. „Ich trage Sandalen“, erzählt sie Paul, „Sandalen mit silber- und goldgefärbten Lederriemen, die ineinander verflochten sind.“ Eine glatte Lüge und der Anfang einer seltsamen Liebesgeschichte. Denn Leyla läuft meistens barfuß.

 

Wieder und wieder spielt Mathias Allary die Szene auf dem Monitor seines Schneidetisches ab. Mehr als ein Jahr hat der Münchner an seinem neuen Film „Liebe, Leben, Tod“ gearbeitet, für den er selbst das Drehbuch geschrieben hat. Es ist sein zwölfter Film und der erste, der öffentlich gefördert wurde. „Es ist sehr hart, einen Film allein zu drehen“, sagt Allary, „in Deutschland ist es einfach so, daß nicht die kreativsten Regisseure von Produzenten gefördert werden, sondern die, die sich am besten verkaufen können. Filmen ist hier kein Geschäft für Leute mit leisen Geschichten.“

 

Aber es sind gerade die leisen Geschichten, die Mathias Allary seinen Zuschauern erzählen will. Die versteckten Geschichten der Außenseiter. Von Menschen wie Leyla, die ein von der Außenwelt unbemerktes Leben führen. Allary versucht, mit seinen Bildern ihre zunächst unsichtbaren Geschichten sichtbar zu machen. In seinem mehrfach prämierten Spielfilm „Franta“ malt der Hauptheld Franta, ein im Krieg entmannter Soldat, Bilder. Große Ölbilder auf Leinwand in ausdrucksstarken Farben, die seine Gefühle widerspiegeln. Im Film wird kaum gesprochen, und es sind Frantas Bilder, die dem Zuschauer dessen rätselhaftes Verhalten erklären.

 

Allary mißtraut den Worten, er vertraut der Sprache der Bilder. „Eine Geschichte muß sich durch die Bilder und durch die Musik vermitteln, erst danach durch die Sprache“, erklärt der Filmemacher, „mir sind in meinen Filmen immer die Stellen wichtig, in denen nicht gesprochen wird. Zauber, Liebe, Schmerz, Humor, das alles gehört in einen Film, das alles muß in seinen Bildern liegen.“ Zauber aber ist flüchtig. Um Filme zu machen wie Mathias Allary, darf man kein festes Konzept im Kopf haben. Man muß sich den Stimmungen des Lebens ausliefern, um Stimmungsbilder zu erzeugen. Vieles in Allarys Filmen ist Zufall. „Die Kunst beim Filmen ist, das Beste aus Zufällen zu machen“, heißt seine Devise, und darum verlegt er eine Drehszene im Garten bei Regenwetter schon mal in ein Malergeschäft. „Ich habe die Erfahrung gemacht, daß sogenannte störende Einflüsse die Geschichte nur beleben, ja, sie sogar besser. machen können.“

 

Immer geht es um Liebe in seinen Filmen. Um Liebe und das Scheitern der Liebe an den Zwängen der Außenwelt. „Liebe ist das große Thema der Filme, weil Liebe das große Thema im Leben aller Menschen ist. Es ist sehr schwer, Liebe über eine lange Zeit zu bewahren. Der Alltag preßt sie in ein Korsett und füllt sie an mit Ängsten und Sorgen“, glaubt er.

 

Die Filmkamera hat Mathias Allary ein Leben lang begleitet. Mit sieben bekommt der gebürtige Düsseldorfer seine erste Super-8-Kamera. Mit 16 richtet er sich sein erstes Studio ein – im Keller der Großmutter. An der Münchner Filmhochschule besucht er die Dokumentarfilmklasse, obwohl er Spielfilme drehen will. Doch die Spielfilmklasse orientiert sich für ihn zu stark am Mythos Hollywood. Nach dem Studium dreht Allary Fernsehspiele für das ZDF, für den Südwestfunk. Sie helfen ihm bei der Finanzierung seiner Spielfilme. Die Kamera wird sein Medium, um sich Beobachtungen und Erfahrungen von der Seele zu filmen: „Meine Filme basieren auf Alltagserfahrungen oder auf Anekdoten, die mir Bekannte erzählen. Die fließen dann zu einer Geschichte zusammen.“ Manchmal ist es nur ein Satz. So wie der Satz „Die Wissenschaft lügt!“, der dick auf einem großen Holzschild stand, das ein alter Mann stundenlang mitten auf dem Marienplatz stumm in die Höhe hielt. „Das Bild von diesem regungslosen Mann geisterte mir jahrelang im Kopf herum“, erzählt Allary. Nun hat der Alte seinem Kopf einen Platz in seinem neuen Film gefunden.

 

Die Musik zu Allarys Filmen schreibt der Freiburger Jazz-Komponist Christian Knobel, um seine Filmrollen reißen sich bekannte Schauspieler: Katharina Thalbach, Jacques Breuer, Helmut Griem,... Die Liste der Stars ist lang. Warum spielen so viele erfolgreiche Schauspieler für eine geringe Gage in seinen Low-Budget-Filmen? Allary grinst. „Vielleicht ist es die Poesie der Geschichten.“

 

Am Ende von „Liebe, Leben, Tod“ verabredet sich Paul mit Leyla auf dem Nordfriedhof. Als Erkennungszeichen will er eine Jacke mit Lederaufsätzen tragen. Leyla, so glaubt er, werde er schon an ihren Schuhen erkennen. Paul verliert seine Jacke, und Leyla trägt kein Paar der Schuhe, die sie Paul vorher am Telefon beschrieben hat. Die beiden haben nur den Hauch einer Chance, sich zu treffen. Der Film hat hoffentlich ein paar Chancen mehr, den Weg in das deutsche Kino zu finden.

 

Gisa Funck, SZ